China ist im 21. Jahrhundert zu einem der zentralen Bezugspunkte deutscher und europäischer Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geworden. Kaum eine außenpolitische, wirtschaftliche oder technologische Frage von Rang lässt sich heute ohne Berücksichtigung der Volksrepublik China beantworten. Mit der wachsenden Bedeutung Chinas wächst zugleich der Bedarf an Menschen, die über fundierte, aktuelle und unabhängige Kenntnisse über das Land verfügen – über das, was gemeinhin als China-Kompetenz bezeichnet wird.
Dieses Vorlesungsskript geht aus einem interdisziplinären Seminar hervor, das unter dem Titel „China-Kompetenz – Salt Road meets Silk Road“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Sommersemester 2025 durchgeführt wurde. Getragen wurde die Veranstaltung gemeinsam vom Institut für Wirtschaftsrecht, von der Volkswirtschaftslehre – insbesondere der Wirtschaftsethik – und vom Institut für Physik. Das Seminar verstand sich als Pionierveranstaltung im Bereich der Allgemeinen Schlüsselqualifikationen (ASQ): nicht als klassische Sinologie, sondern als bewusst breit angelegter Versuch, China als einen ganzen Gegenstand zu begreifen.
Der Titel „Salt Road meets Silk Road“ ist dabei Programm. Er verbindet zwei Bilder: die historische Seidenstraße als Sinnbild für jahrtausendealte Handels-, Kultur- und Wissensströme zwischen Ost und West – und die „Salzstraße“ als Metapher für die Lebensadern moderner Volkswirtschaften, für Rohstoffe, Infrastruktur und die materiellen Grundlagen des Austauschs. Wo sich beide Wege treffen, entsteht jene Verflechtung von Geschichte und Gegenwart, von Kultur und Ökonomie, die das Verständnis Chinas so anspruchsvoll und so lohnend macht.
Was China-Kompetenz bedeutet
China-Kompetenz ist mehr als Sprachkenntnis. Sie umfasst, wie es die China-Strategie der Bundesregierung aus dem Jahr 2023 formuliert, „Sprachkompetenz, interkulturelle Kompetenz und landeskundliche Fachkompetenz, Wissen um die Ziele des globalen Engagements Chinas und praktische Erfahrung in der bilateralen Zusammenarbeit im Kontext des chinesischen politischen Systems“. Eine so verstandene China-Kompetenz ist weder reine Sprachwissenschaft noch bloße Landeskunde, sondern eine allgemeine, integrative Kompetenz, die geschichtliche, philosophische, ökonomische, rechtliche, kulturelle und sicherheitspolitische Perspektiven zusammenführt.
Man kann diese Idee mit einem Bild aus der Kunst fassen: Ähnlich wie Richard Wagner das „Gesamtkunstwerk“ als Zusammenführung von Musik, Theater, Dichtung, Szenografie und Architektur verstand, ist China-Kompetenz ein Gesamtgegenstand, der nicht in einzelne Disziplinen zerfällt. Sie macht den Absolventen idealerweise zugleich zur Spezialistin und zur Allrounderin – zu jemandem, der ein konkretes Sachgebiet vertieft beherrscht und es zugleich in den großen Zusammenhang des Landes, seiner Geschichte und seiner Gegenwart einzuordnen vermag.